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Homepage von Eckehard Rothenberg | Abenteuer
Verschickung in die Schweiz


Im jungen Alter wurde ich in die Schweiz verschickt. Klaus Pegler schrieb dazu folgenden Beitrag


Die Scheidung meiner Eltern brachte es mit sich, dass meine Mutter verstärkt Trost in der Kirche suchte. Sie ging nicht nur regelmäßig zum Gottesdienst, sondern auch zu den Bibelstunden. Dort lernte sie eine etwa gleichaltrige Frau kennen, die einer Freikirche angehörte. Sie überredete meine Mutter, deren „Versammlungen“ zu besuchen und sich schließlich bekehren zu lassen. Natürlich ging das Bekehren dann weiter; erst mussten meine Schwestern neue Menschen werden und bald danach auch ich. Gern ging ich nicht mit zu den Versammlungen. Der Prediger schien mir immer sehr aufgeregt; dauernd redete er uns ins (schlechte) Gewissen und sprach fortwährend vom „heilijen Jeist“. Nun ja, die Gemeinde gehörte zu den so genannten Pfingstlern, also einer Freikirche, für die der heilige Geist im Mittelpunkt ihrer Lehre steht. Ein Vorteil war, dass die Pfingstgemeinde in vielen Ländern der Welt präsent ist, auch in der Schweiz. So organisierten die Berliner Pfingstgemeinden mit ihren schweizerischen Brüdern und Schwestern schon 1950 eine Verschickung bedürftiger Berliner Kinder in dieses kleine Paradies. Viel wusste ich nicht über unseren südlichen Nachbarn, aber immerhin so viel, dass es dort alles gab, was uns fehlte, vor allem genug zu essen und zu trinken.


Für die Verschickung waren nicht weniger als drei Monate vorgesehen, Juli, August und September 1950. Damals hatten wir acht Wochen Sommerferien, nämlich den Juli und den August. Und jetzt kam noch der September dazu, herrlich! Meine Klassenlehrerin hatte nichts dagegen, dass ich der Schule nach den Großen Ferien noch einen Monat lang fernblieb. Das würde ich schnell aufholen. So einfach wie heute war es nach dem Krieg natürlich nicht, eine Reise in die Schweiz zu machen. Vor allem brauchte man einen Reisepass und ein Visum, auch ich mit meinen zwölf Jahren. Doch um den kümmerte sich die Gemeinde; meine Mutter musste nur die Daten und die Passbilder liefern. Auch den Interzonenpass beschafften die Pfingstler. Abgesehen von ein paar technischen Schwierigkeiten beim Besorgen der Reisepapiere lief alles glatt, so dass der Kindertransport sich Anfang Juli 1950 auf den Weg machen konnte.


Eines Abends ging es also los, und zwar vom Bahnhof Zoo, der für die Interzonenzüge zuständig war. Meine Mutter war mitgekommen, und sie war fast aufgeregter als ich. Was mich vor allem interessierte, war die Frage, ob der Zug auch wirklich losfahren würde. Nicht lange nach dem Krieg hatte ich nämlich in einer ähnlichen Situation eine große Enttäuschung erlebt, als ich mit einem Kindertransport auf einem offenen Militärlastwagen in die französische Zone gebracht werden sollte. Arme Kinder aus Frohnau, und das waren die meisten, sollten sich ein paar Wochen auf dem Lande erholen können. Mit einem Köfferchen und einer Tasche mit Reiseproviant saß ich mit etwa einem Dutzend anderer Kinder schon eine Weile vor der Schule auf dem Lastwagen, als die niederschmetternde Nachricht kam, dass wir aus irgendeinem Grunde nicht fahren konnten. So elend hatte ich mich selten gefühlt. Doch diesmal ging es gut. Wir belegten zwei oder drei Abteile der „Holzklasse“, deren jedes nicht weniger als acht Plätze hatte. Doch da wir Kinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren waren, nahmen wir nicht allzu viel Raum in Anspruch. Während der Fahrt spielten die Begleiter mit uns „Taler, Taler, Du musst wandern“ und ähnliche Kinderspiele, und als uns so langsam die Augen zufielen, ermahnten sie uns, dass wir spätestens an der Zonengrenze wieder hellwach sein müssten. Es ging nicht nur darum, dass wir dem Kontrollpersonal würden Rede und Antwort zu stehen haben. Der Leiter unseres Transports hatte auch Angst, die „sowjetzonalen“ Kontrolleure könnten ihm unsere Reisepässe wegnehmen, die er gesammelt in einer Aktentasche mitnahm. „Wenn ihr gefragt werdet, wohin wir fahren, sagt auf keinen Fall, dass es in die Schweiz geht,“ trichterte er uns ein. „Wir fahren nach Stuttgart, hört ihr? Das ist nicht gelogen. Da müssen wir nämlich umsteigen. Dass es hinterher noch weitergeht, dürft ihr nicht sagen, sonst nehmen sie uns unsere Pässe weg.“ Das bezog sich auf die vom Allied Travel Board ausgestellten Reisepapiere, die Ostberliner und Ostdeutsche in der Schöneberger Elßholzstraße erhielten, wenn sie ins westliche Ausland wollten. Diese Papiere waren nicht nur schwer zu bekommen, sie wurden von der DDR auch nicht anerkannt und wären zweifellos an der Grenze beschlagnahmt worden. Es gab also gute Gründe für die Notlüge, die eigentlich keine war. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gefühl, denn in der Pfingstgemeinde galt nur der Vers aus dem 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums: „Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Durfte ich da wirklich sagen, dass wir nach Stuttgart und nicht in die Schweiz fuhren? Unser Zug stand ziemlich lange auf der Grenzstation Probstzella. Draußen gewitterte es, und das rüttelte mein Gewissen noch mehr auf. Glücklicherweise fragte mich keiner, und wer gefragt wurde, hielt sich brav an die vorgegebene Version, natürlich auch unser Leiter. Als alles vorüber war und sich der Zug in Richtung Ludwigsstadt in Bewegung setzte, kam er wieder in unser Abteil und sagte, dass er die Aktentasche hinter Koffern versteckt und kein Grenzer sie gefunden habe. Ich war zwar froh darüber, konnte aber irgendwie nicht verstehen, dass der liebe Gott die Notlüge hatte durchgehen lassen. Das Gewitter war vorüber und auch die Gefahr, dass unsere Fahrt ein vorzeitiges Ende nehmen könnte. Völlig übermüdet lehnten wir uns möglichst bequem aneinander und versuchten, endlich ein bisschen Schlaf zu finden. Als wir in Stuttgart ankamen, war ich noch so müde, dass ich am liebsten im Zug sitzengeblieben wäre. Doch das ging leider nicht, schließlich wollten wir in die Schweiz. Zunächst mussten wir unser Gepäck zu einem D-Zug schleppen, der uns nach Basel bringen sollte. Die Fahrt dorthin dauerte nun nicht mehr so lange, denn die Strecke war verhältnismäßig kurz und gut ausgebaut. Außerdem war die Passkontrolle nicht an der Grenze zur Schweiz, sondern erst auf dem Badischen Bahnhof in Basel. Sie war kurz und schmerzlos. Was mich beim Umsteigen in die Schweizer Bundesbahn faszinierte, war der Umstand, dass es keine Bahnsteigsperren gab, wie ich sie von der Reichsbahn gewöhnt war. Das war sozusagen ein Vorgeschmack für die Schweizer Freizügigkeit. Von Basel ging es in einem sehr modern wirkenden und von einer Elektrolok gezogenen Zug weiter nach Schaffhausen, wo wir gegen Abend eintrafen. Ich stellte mir vor, dass ich jetzt schon ziemlich tief drin war in der Schweiz, denn die Fahrt hatte ja mindestens eine Stunde gedauert. Ich war ja noch nie vorher im Ausland gewesen und hoffte, möglichst weit weg von Deutschland zu landen. Dass ich völlig danebenlag, merkte ich erst einige Zeit später.


In Schaffhausen wurden wir in Familien untergebracht, wo wir gut verpflegt und sanft gebettet wurden. Ich kam bei einem Ehepaar in der Munotstraße unter, das natürlich auch der Pfingstgemeinde anhing. So wurde vor dem Schlafen noch ausführlich gebetet. Doch das erledigte die Hausfrau, die an meinem Bett niedergekniet war. Am nächsten Vormittag ging es weiter, allerdings nicht ohne vorherige Andacht. Unsere Schweizer Gastgeber waren tiefgläubig und erwarteten von uns dasselbe. Nach der Andacht verabschiedeten sich die meisten Kinder des Transports von ihren vorläufigen Gasteltern. Wie ich langsam merkte, wurden wir auf lauter verschiedene Städte und Dörfer in der deutschsprachigen Schweiz verteilt. Wer also nicht in Schaffhausen blieb, wurde zum Bahnhof gebracht und fuhr mit dem Zug weiter nach Kreuzlingen am Bodensee. Hier versammelten wir uns in einem mittelgroßen Saal, und es folgte die nächste Andacht. Sie wurde von demselben Prediger gehalten wie in Schaffhausen. Offenbar hatte er uns im Zug begleitet. Nach der Andacht wurde der Transport wieder zum Bahnhof gebracht, doch jetzt ohne mich. Ich blieb in Kreuzlingen bei der Familie Zopfi. Dazu brauchte ich nicht irgendwohin gebracht werden, denn der Versammlungsraum stand auf dem Grundstück der Zopfis. In ihm war, wie ich bald erfuhr, früher eine Fabrik, und nach deren Verschwinden richtete man die Halle für die Gottesdienste der Kreuzlinger Pfingstgemeinde her. Wie zu erwarten, waren auch die Zopfis ungeheuer fromm. Aber immerhin hatten sie im Wohnhaus ein Spielwarengeschäft, und es gab sogar einen Raum, im dem eine Spielzeugeisenbahn mit allen Schikanen aufgebaut war. Mit der durfte ich ab und zu spielen, aber nicht zu häufig und nicht ohne Aufsicht. Ansonsten hielten die Zopfis nicht allzu viel von „weltlicher“ Unterhaltung. Als ich nach einem Kino fragte, ließ mich die erwachsene Tochter des Hauses wissen, dass ernste Christen nichts von dergleichen Vergnügungen hielten. „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, da die Spötter sitzen...“, zitierte sie den ersten Psalm. Oh weh, wie gottlos musste ich da sein, denn ich war ja des Öfteren im Frohnauer Filmtheater „Capitol“ gewesen, und das meist mit großem Vergnügen! Im Haus der Zopfis wurde viel gebetet, vor den Mahlzeiten am Tisch sitzend und vor dem Schlafengehen vor den Wohnzimmerstühlen kniend. So konnte man die Ellenbogen aufstützen und das Gesicht mit den Händen bedecken. Auch in den Versammlungen spielte das Gebet eine große Rolle. Jeder sprach je nach Eingebung fromme Dankes- und Lobesworte, und zwar laut und der Reihe nach. Meine Gebete im Kreise der Familie waren immer recht kurz, da mir nichts Rechtes einfallen wollte. In den Versammlungen fiel es nicht auf, wenn ich kein lautes Gebet sprach. Dort ging es nicht der Reihe nach; jeder wartete auf eine Lücke im Gebetsablauf und fing dann einfach an. Manchmal beteten sogar zwei Gemeindeglieder an verschiedenen Enden des Saales gleichzeitig. So fiel es kaum auf, wenn ich schwieg.


In den Versammlungen lernte ich eine Form des Betens kennen, die mir überaus unheimlich war. Lange sprach ich nicht darüber mit meinen Gasteltern. Es waren meist alte Frauen, die ihr Gebet ganz normal anfingen. Doch nach einer Weile wurde es unverständlich. Es wirkte auf mich wie ein verrücktes Gestammel. Als ich endlich mit den Zopfis darüber sprach, konnten sie mir meine Abneigung gegenüber dem „Zungenreden“ oder „Zungenbeten“, wie sie diese Gebetsform nannten, nicht ein bisschen nehmen. Immerhin erfuhr ich, dass diese Beter nicht verrückt waren, sondern beim Beten in Ekstase gerieten. In ihnen spreche der heilige Geist, sagte Frau Zopfi, was allerdings auch nicht zu meiner Beruhigung beitrug. Zu den Versammlungen musste ich zwei oder dreimal die Woche. Der Prediger, der mehrere Gemeinden betreute, kam nur jeden zweiten Sonntag am Vormittag. An den dazwischenliegenden Sonntagen war die Versammlung erst am späten Nachmittag. Dann war aber der Vormittag nicht etwa frei, vielmehr gab es einen Jugendgottesdienst, den ich natürlich nicht versäumen durfte. Außerdem gab es jeden Mittwochabend eine Versammlung, die für mich ebenfalls obligatorisch war. Zwar hatte meine Mutter darauf geachtet, dass wir den Kindergottesdienst in der Frohnauer Johanneskirche besuchten, aber an so viel Frömmigkeit war ich nicht gewöhnt.


Zu der für mich bedrückenden Atmosphäre im Hause Zopfi kam ziemlich bald eine große Enttäuschung, die aber nichts mit meinen Gastgebern zu tun hatte. Ihr Grundstück, auf dem wie gesagt auch der Versammlungsraum stand, reichte von der Brückenstraße bis zur Grenzstraße. Den Namen der Straße am Hinterausgang des Grundstücks kannte ich zunächst nicht. Ich wusste nur, dass unsere Adresse Brückenstraße 22 war. Der Name „Grenzstraße“ hätte mich natürlich sofort aufhorchen lassen. Als ich eines Tages mit ein paar Kindern in der Straße am Hinterausgang spielte und wissen wollte, was hinter dem hohen Zaun war, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand, sagten sie „Deutschland“ oder besser „Dütschland“. Zuerst schien es mir, als hätte ich das Schwyzerdütsch der Kinder falsch verstanden, denn ich war ja lange mit dem Zug durch die Schweiz gefahren, um nach Kreuzlingen zu gelangen. Aber nein, auch Zopfis versicherten mir, dass hinter ihrem Grundstück auf der anderen Straßenseite Deutschland beginne. Deswegen auch der hohe Zaun. Also war ich nur ein paar Meter drinnen in der Schweiz! Ich hätte beinahe laut geheult. Nicht lange danach verbesserte sich meine Situation völlig unerwartet. Für ein Berliner Mädchen mussten neue Gasteltern gefunden werden, denn man wollte es in dem Bergdorf, wo es zunächst untergekommen war, nicht länger haben. Das war anscheinend nicht so leicht, doch schließlich erklärte sich Familie Zopfi bereit, die Retter in der Not zu spielen. Nur zögernd ließen sie mich wissen, die Berliner Range habe den Burschen im Dorf den Kopf verdreht. Offenbar trauten es sich meine Gasteltern zu, mit der frühreifen Berlinerin fertig zu werden. Allerdings wollten sie nicht zwei Großstadtkinder gleichzeitig beherbergen, und so suchten sie nach Gemeindegliedern, die gewillt waren, ein Berliner Kind aufzunehmen. Ich hatte Glück.


Frau Nater-Lang, eine resolute Frau, die in Kreuzlingens Hauptstraße ein Kolonialwarengeschäft führte, erklärte sich bereit, mich für den Rest der Verschickungszeit bei sich wohnen zu lassen. Sie hatte anfangs wohl gezögert, mich aufzunehmen, denn ihr Mann war gelähmt und lag die meiste Zeit im Bett, war also, wie man heute sagt, ein Pflegefall. Das Ehepaar Nater hatte zwei Töchter, Anna und Friedy. Die waren Zwillinge im Alter von zwanzig Jahren, die noch zu Hause wohnten. Friedy arbeitete in einem Büro, und Anna half ihrer Mutter im Laden. Eigentlich war für mich im Hause der Familie Nater kein Platz. Aber schließlich siegte Frau Nater-Langs Pflichtgefühl gegenüber der Gemeinde, und sie sagte zu. Das hatte zur Folge, dass die Zwillinge eins der beiden Dachzimmer freimachen und zusammen in dem anderen schlafen mussten. Es war mein Glück, dass Familie Nater viel zu viel zu tun hatte, um sich ausgiebig mit mir zu beschäftigen. Ihre Frömmigkeit war bei weitem nicht so ausgeprägt wie die der Zopfis. Die Töchter waren zwar gelegentliche Kirchgänger, hielten aber nicht viel von den Pfingstlern. Und natürlich gingen sie auch ins Kino, wenn ihnen danach zumute war. Außerdem gab es einen Hund im Hause, genauer gesagt, eine schottische Schäferhündin namens Arlett. Mit der freundete ich bald an, und meistens war ich es auch, der sie ausführte.


Einmal während meiner Zeit bei den Naters veranstaltete die Schokoladenfirma Suchard eine Werbeaktion. In einem Kreuzlinger Kino sollten zwei Filme gezeigt werden, einen über die Schönheit der Schweizer Berge und einen über die Herstellung der Schokolade. Als Eintrittskarte brauchte man nur eine Hundert-Gramm-Schokoladentafel der Firma mitzubringen. Frau Nater-Lang erklärte sich bereit, mir eine solche Tafel zu schenken, aber durfte ich das Angebot denn annehmen, wo es doch verboten war, „mit den Spöttern zu sitzen?“ Solcherart hin- und hergerissen zwischen Wollen und Dürfen erhielt ich von meiner Gastmutter die entscheidende Hilfe beim Überwinden des moralischen Hindernisses: „Wir brauchen es ja den Zopfis nicht zu erzählen.“ Naters Kaufmannsladen war für mich mindestens ebenso interessant wie die Modelleisenbahn bei Zopfis. Ich durfte zwar noch nicht verkaufen, doch die Regale auffüllen und auch Zucker oder Mehl eintüten, das durfte ich schon. Man stellte mir auch ein Fahrrad zur Verfügung, mit dem ich Waren ausfuhr, die die Kunden nicht hatten nach Hause tragen wollen. Dafür bekam ich so manchen Rappen Trinkgeld, das ich nur zum Teil ausgab, weil ich auf Anraten meiner Gastmutter den größeren Teil sparen wollte, um ein Päckchen mit Kaffee und Süßigkeiten nach Hause schicken zu können. Was nun das Fahrrad betrifft, so war ich überglücklich, es zur Verfügung gestellt zu bekommen. Mein Fahrrad zu Hause hatte mir mein Vater zusammengestoppelt aus allen möglichen Teilen, die er sich nach und nach durch Tausch und Kauf besorgt hatte. Entsprechend sah es aus. Hier in Kreuzlingen aber hatte ich ein schickes Markenrad, das sogar eine Dreigang-Nabenschaltung, einen Freilauf und vorn und hinten Trommelbremsen hatte. Übrigens hatte es auch eine „Autonummer“, oder wenigstens etwas Ähnliches. Für die Fahrräder musste eine Steuer bezahlt werden, und das wurde durch ein kleines Schild hinten am Fahrrad dokumentiert, das unseren späteren Mopedkennzeichen ähnelte. Wie auf den Autokennzeichen unseres Kantons standen auf ihm die Buchstaben TG. Was mich am meisten beeindruckte, war der Hinweis meiner Gastfamilie, dass ich das Fahrrad nicht anzuschließen brauchte. Ich bekam nicht einmal ein Fahrradschloss, denn in der Schweiz war Fahrraddiebstahl ein unbekanntes Delikt. Überhaupt waren Straftaten in der Eidgenossenschaft sehr selten.


Nur zu gern erledigte ich mit dem Supergefährt meine Aufgaben. Außer zu den Kunden fuhr ich, wenn die Käsevorräte im Laden zur Neige gingen, zu einer Käserei im Nachbarort Bottighofen und holte von dort große „Tortenstücken“ à vier oder fünf Kilo. Und schließlich fuhr ich regelmäßig zu einer Eisfabrik, um eine halbe Stange Eis zu kaufen. Auf dem Flur hinter dem Laden stand nämlich ein regelrechter Eisschrank, in dem in erster Linie die Butter für den Laden aufbewahrt wurde. Und wehe, wenn ich vergaß, den Kasten mit dem Schmelzwasser zu leeren! Dann gab es eine große Pfütze auf dem Flur, die ich unter einem Schwall von Vorwürfen und Ermahnungen aufwischen musste. Doch die gelegentlichen Anranzer machten mir nicht viel aus, denn in meiner neuen Familie fühlte ich mich viel wohler als in der alten. Der Versammlungsraum war nun weiter weg, sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinne. Zwar wurde ich doch immer wieder zu den Andachten und Versammlungen geschickt, aber es gab auch hin und wieder stichhaltige Entschuldigungen, die mein Glaubenssoll etwas reduzierten. Besonders am Mittwoch mit seinen Abendandachten konnte man auf unaufschiebbare Pflichten im Laden und bei der Kundenbetreuung verweisen.


Und noch mehr konnte ich mein Leben in der Schweiz genießen, als nicht lange nach meinem Umzug ein Junge bei mir auftauchte, den ich auf der Herfahrt im Zug kennengelernt hatte. Er hieß Eckehard und war aus Mahlsdorf, also aus Ostberlin. Dass Mahlsdorf zu Ostberlin gehörte beziehungsweise zum „Demokratischen Sektor“, wusste ich schon sehr früh, denn eine Schwester meiner Oma wohnte dort, und bei der waren wir oft zu Besuch. Jetzt aber kam Eckehard aus Oberaach, einem etwa fünfzehn Kilometer entfernten Dorf, das wie Kreuzlingen im Kanton Thurgau lag. Dort war er bei der Familie Egli untergekommen, die ihr Geld mit der Herstellung von Strickwaren verdiente. Sie nannte sogar eine regelrechte Strickwarenfabrik ihr Eigen. Eckehard wusste, dass ich bei der Verteilung des Kindertransports in Kreuzlingen geblieben war. Und obwohl man ihm verboten hatte, bei seinen Fahrradtouren weiter als bis zu einem bestimmten Berg in der Nähe zu fahren, siegte seine Abenteuerlust, und so tauchte er eines Vormittags bei Zopfis auf, in deren Versammlungsraum er ja nach der Schaffhauser auch die Kreuzlinger Andacht mit mir zusammen erlebt hatte.


Wie er mir erzählte, hatte er in Romanshorn noch eine dritte Andacht über sich ergehen lassen müssen, bevor er in seinem Heim für die nächsten drei Monate ankam. Von Zopfis erfuhr er meine neue Adresse, und so war er unverdrossen zu unserem Laden in der Hauptstraße gefahren. Bei den Naters war gerade große Wäsche; deshalb traf es sich gut, dass ich mit Eckehard eine Fahrradtour machen wollte und damit für einige Zeit aus dem Hause sein würde. Wie gesagt hatte ich bei meiner neuen Familie viel mehr Freiheit als bei Zopfis. So begnügte man sich damit, mir einige Ermahnungen mit auf den Weg zu geben und mir die Zeit zu nennen, zu der ich unbedingt wieder zu Hause sein musste. Fünfzehn Kilometer sind zwar nicht viel, und wir schafften sie in einer guten Stunde, aber mich brachten sie meinem ersehnten Ziel näher, endlich einmal „richtig“ in der Schweiz zu sein. Bis jetzt hatte ich ja nur ihren nördlichen Grenzstreifen kennengelernt.


Eckehard und ich freundeten uns schnell an. Wir machten sofort aus, uns gegenseitig jede Woche zu besuchen. Einmal fuhr ich nach Oberaach und das nächste Mal kam Eckehard nach Kreuzlingen. Dank der Unternehmungslust meines neuen Freundes, die sich mit einer gewissen Unbekümmertheit paarte, machten wir herrliche Radtouren in die Umgebung und lernten unseren Kanton ziemlich gut kennen. Obwohl wir erst zwölf Jahre alt waren – genau genommen wurde Eckehard erst im September zwölf –, fuhren wir sogar einmal mit dem Zug nach Schaffhausen und besichtigten den Rheinfall bei Neuhausen. An unseren Besuchstagen bekamen wir natürlich auch ein Mittagessen bei den jeweiligen Gastgebern. Obwohl wir nicht gerade verwöhnt waren, rümpften wir bei manchen Schweizer Spezialitäten die Nase. Eines Tages hatten Naters eine Käsetorte angekündigt, was sofort meine Vorfreude weckte, denn die gab es immer zu meinem Geburtstag, jedenfalls dann, wenn man die Zutaten bekommen konnte. Und was setzten mir meine Gastgeber vor? Eine Torte mit richtigem Schweizer Käse drauf! Ich aß sie mit Widerwillen, den man mir wohl auch ansah. Und die Ovomaltine, die mir in warmer Milch zum Frühstück vorgesetzt wurde, war auch nicht gerade nach meinem Geschmack. Doch was half’s, sie sollte ja helfen, mich gehörig aufzupäppeln. Als ich bei den Eglis eine Mahlzeit aus falschem Hasen, Salzkartoffeln und einer Bratensoße vorgesetzt bekam, in der ein paar Esslöffel Apfelmus ruhten, ging es mir nicht viel anders als bei der Käsetorte. Doch glücklicherweise saßen Eckehard und ich auf dem Flachdach der 5 Strickwarenfabrik, das als Terrasse diente, an einem Extratischchen in einiger Entfernung von Familie Egli. Ich wollte alles brav aufessen, doch dann hatte Eckehard die Idee, die Soße mit dem Apfelmus in die Blumenkästen einer kleinen Hecke zu gießen, die als Begrenzung für die Dachterrasse fungierte. Nach einer Weile folgte ich seinem Vorbild und goss, wenn auch mit einigen Skrupeln, ein bisschen von meiner Soße dazu. Damit das später nicht auffiel, bedeckte Eckehard die Blumentopferde mit einer Schicht Kies vom Belag der Terrasse. Ein paar Kieselsteine lagen sowieso schon unter der Hecke. Einige der mit Apfelmus kontaminierten Kartoffeln warfen wir den Kühen zu, die um das Anwesen herum grasten. Dabei hieß es, die Kartoffeln möglichst nahe vor den Köpfen der Kühe landen zu lassen, damit sie sie als ihr Futter ansahen, was zum Teil auch gelang.


Eines Tages trat ich bei den Naters mächtig ins Fettnäpfchen. Naiv wie ich war, seufzte ich: „Ach, der Eckehard hat’s gut.“ Die prompte Reaktion war natürlich: „Hast Du es etwa bei uns nicht gut?!“ Und dann kamen die Vorwürfe. „Wir geben uns solche Mühe mit Dir, damit du dich bei uns erholen kannst! Du bekommst viel besseres Essen als bei Dir zu Hause, du hast dein eigenes Zimmer, du brauchst nicht einmal viel zu helfen! Und wir haben dich aufgenommen, obwohl wir uns eigentlich gar nicht an der Unterbringung der Berliner Kinder beteiligen wollten. Wie kann man nur so undankbar sein?!“ Dabei hatte ich doch nur sagen wollen, dass mein Freund richtig drin in der Schweiz wohnte und nicht so dicht an der deutschen Grenze wie ich. Letzten Endes war das aber gar nicht so schlecht, besonders, wenn ich Heimweh hatte. Das war bei den Zopfis öfter mal der Fall. Dann lief ich zum Hintereingang hinaus und steckte den Zeigefinger durch den Grenzzaun. ‚Der ist jetzt in Deutschland’, dachte ich bei mir. Einer der Grenzübergänge war ganz in der Nähe. Dort stand ich manchmal und sah den Fußgängern und den Autos bei ihrer Einreise nach Deutschland seufzend nach. Mir war das nicht vergönnt, denn mein Visum galt nur für eine einmalige Ein- und Ausreise. Für die Grenzbewohner gab es einen kleinen Grenzverkehr. Sie brauchten nur ihren Ausweis zu zeigen und konnten passieren. Einfach so. Friedy Nater besuchte sogar die Volkshochschule in Konstanz, um dort Englisch zu lernen. Manchmal holte ich sie abends an der Grenze ab. Außerdem hatte ich einen Zeitvertreib, der dem aus meiner Malchiner Zeit ähnelte.


Diesmal stand ich nicht an einer Schranke, um beim Rangieren von Güterzügen zuzusehen, sondern auf einer Brücke, die direkt an der Grenze auf der Schweizer Seite die Gleise überspannte. Von hier hatte ich einen guten Überblick und konnte die Rangierarbeiten verfolgen, wobei die Güterwagen häufig zwischen Deutschland und der Schweiz hin- und hergeschoben wurden. Das war sogar noch spannender als das Rangieren damals in Malchin. Anders als in Ostpreußen übernahm ich den örtlichen Dialekt nicht, auch nicht nach längerer Zeit. Im Gegenteil, Eckehard und ich pflegten das Berlinische, zumindest, wenn wir beieinander waren. Beim Einkaufen grüßten wir nicht mit „Grüezi“ sondern mit „Grütze“. Nur leise fügten wir hinzu: „...im Kopp.“ Wenn wir erstaunte Blicke ernteten, genossen wir das eher als dass es uns störte. Die mit ihrer komischen Sprache! Es hatte eine Weile gedauert, bis wir auch die Gespräche verstanden, die die Schweizer untereinander führten. Mit uns redeten sie weitgehend „Schriftdeutsch“. – Den Ausdruck „Hochdeutsch“ verwendet man in der Schweiz nicht. – Aber auch an das musste man sich erst gewöhnen.


Drei Monate erschienen uns eine lange Zeit. Als ich noch bei Zopfis wohnte, kamen sie mir sogar unendlich lang vor. Aber je näher das Ende unseres Erholungsaufenthaltes rückte, desto mehr bedauerten wir sein Nahen. Es war ja nicht nur die Aussicht, wieder zu Schule gehen zu müssen. Wir hatten uns an das Leben in der Schweiz gewöhnt, das uns trotz der religiösen Eingebundenheit so viel freier schien als das Leben im Nachkriegsberlin mit seinen vier Besatzungsmächten. Zurück nach Deutschland ging es auf dem gleichen Wege wie bei der Herfahrt. Die letzte Nacht in der Schweiz verbrachte der Kindertransport in Schaffhausen, wo man uns ja auch in unserer ersten Nacht auf Schweizer Boden beherbergt hatte. Ich landete wieder bei den Leuten in der Munotstraße. Jetzt war ich dran mit dem Abendgebet. Ich zeigte, was ich inzwischen gelernt hatte. „Na, wenigstens beten kannst Du jetzt,“ sagte die Hausfrau mit Wohlgefallen. Auf unserer Fahrt zurück nach Berlin bemerkten Eckehard und ich, dass manche der jüngeren Kinder perfekt Schwyzerdütsch sprachen. Und nicht nur das, sie konnten gar kein Hochdeutsch mehr, und schon gar nicht konnten sie berlinern. Wir älteren schärften ihnen ein, an der Zonengrenze den Schnabel zu halten, damit es nicht zu guter Letzt noch zu Schwierigkeiten komme. Unsere Sorge erwies sich als unbegründet. Diesmal ging die Kontrolle recht schnell über die Bühne. Bevor wir am Bahnhof Zoo von unseren Angehörigen abgeholt wurden, verabredeten wir unseren ersten Besuch beim neuen Freund. Schon vorher hatten wir ausgemacht, uns alle vierzehn Tage zu sehen, einmal in Frohnau und einmal in Mahlsdorf. Die gegenseitigen Besuche hielten wir durch bis zum Bau der Mauer, und sobald es die ersten Passierscheinregelungen gab, fuhr wenigstens ich nach Mahlsdorf, wenn Eckehard schon nicht nach Frohnau kommen konnte. Kaum war die Grenze wieder offen, lenkte er sein Auto nach Frohnau, das er mehr als 28 Jahre nicht betreten hatte.



© Klaus Pegler, Berlin-Frohnau


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